Häufig gestellten Fragen
Was sind Eisenhüttenschlacken?
Eisenhüttenschlacken sind ein metallurgisches Werkzeug der Roheisen- und Stahlherstellung, das für den Produktionsprozess zwingend notwendig ist. Die aus ihnen hergestellten Nebenprodukte werden als Baustoffe in der Zement- und Betonindustrie, als industrielle Gesteinskörnungen in verschiedenen Anwendungen des Verkehrsbaus sowie als kalkhaltiges Düngemittel (Konverterkalk) in der Landwirtschaft eingesetzt. Je nach metallurgischem Prozess wird zwischen Hochofenschlacke (Hochofenstückschlacke, Hüttensand) und Stahlwerksschlacke (LD-Schlacke, Elektroofenschlacke, Edelstahlschlacke und sekundärmetallurgische Schlacke) unterschieden.
[Lit] DIN 4301: „Eisenhüttenschlacke und Metall-hüttenschlacke im Bauwesen“
[Lit] EN 14069: „Liming materials – Denominations, specifications and labelling“
WOHER KOMMT DER BEGRIFF „SCHLACKE“?
Schlacke ist ein metallurgischer Begriff. Etymologisch leitet er sich vom niederdeutschen Wort „slagge“ (für „schlagen“) ab und resultiert aus der mittelalterlichen Metallgewinnung im Rennofen, bei der aus einem teigigen Klumpen (Luppe) mit Holzhämmern Metall und Schlacke voneinander getrennt werden mussten.
WIE ENTSTEHEN EISENHÜTTENSCHLACKEN?
Als Produkt eines Schmelzprozesses besteht Schlacke im Wesentlichen aus den nichtmetallischen Bestandteilen der Erze und mineralischen Zuschlägen, die zur Schmelzpunktreduzierung dem Erz zugemischt werden. Hochofenschlacke entsteht bei der Produktion von Roheisen im Hochofen, bei der Eisenerz und weitere Stoffe bei etwa 1.500 °C geschmolzen werden. Stahlwerksschlacke bildet sich bei der Rohstahlherstellung im circa 1.600 °C heißen Schmelzfluss entweder im LD-Stahlwerk (Linz-Donawitz-Verfahren) aus Roheisen, Stahlschrott und weiteren Stoffen (LD-Schlacke) oder im Elektrostahlwerk überwiegend aus Stahlschrott sowie weiteren Stoffen (Elektroofenschlacke, kurz: EOS, bzw. Edelstahlschlacke, kurz: EDS). Bei der Nachbehandlung von Rohstahl, die für die Erzeugung der gewünschten Stahlqualitäten erforderlich ist, entstehen sekundärmetallurgische Schlacken (SEKS). Die Schlacken übernehmen wichtige metallurgische Aufgaben, z.B. die Aufnahme von im Metall unerwünschten Spurenelementen.
WIE WERDEN EISENHÜTTENSCHLACKEN VERARBEITET?
Aus einem Großteil der Hochofenschlacke entsteht durch Granulation mit Wasser glasiger, feinkörniger Hüttensand. Der übrige Teil wird in Beete abgegossen und erstarrt zu kristalliner Hochofenstückschlacke, die zur Weiterverarbeitung als Gesteinskörnung oder als Baustoffgemisch gebrochen und gesiebt werden muss. Dies ist auch die übliche Praxis für Stahlwerksschlacken.
WIE SIND EISENHÜTTENSCHLACKEN ZUSAMMENGESETZT?
Eisenhüttenschlacken sind weitgehend homogene Sekundärrohstoffe, bestehend aus kalksilikatischen Verbindungen. Mit den wesentlichen Bestandteilen Kalzium, Silizium, Eisen, Aluminium und Magnesium ähneln sie in ihrem Chemismus, aber auch hinsichtlich ihrer Mineralogie natürlicher vulkanischer Lava.
HAT DIE TRANSFORMATION DER STAHLINDUSTRIE AUSWIRKUNGEN AUF EISENHÜTTENSCHLACKEN?
Ja! Durch die Dekarbonisierung der Stahlerzeugung entstehen „neue Schlacken“. Deren Anwendungsmöglichkeiten als Baustoff im Zement und Beton sowie im Verkehrswegebau, als Düngemittel oder in neuen Einsatzgebieten werden derzeit erforscht, z.B. bei den vom FEhS-Institut koordinierten Verbundvorhaben „SAVE CO2“ und „DRI-EOS“ über „Hüttensand 2.0“ als alternativen CO2-sparenden Klinkerersatz für die Zementindustrie.
Sind Schlacken und Aschen dasselbe?
Nein! Aber der Begriff „Schlacke“ wird häufig falsch verwendet. Aschen sind Rückstände aus thermischen Verbrennungsprozessen, z.B. Müllverbrennungs-aschen und Kohlenaschen. Diese werden häufig fälschlicherweise auch „Schlacken“ genannt. Die Entstehung und die physikalischen, chemischen und mineralischen Merkmale von Aschen sind jedoch nicht mit denen von Eisenhüttenschlacken vergleichbar.
Wo werden Eisenhüttenschlacken eingesetzt?
In Deutschland werden bei der Produktion von Roh-eisen und Stahl jährlich rund 11,8 Mio. Tonnen
Eisenhüttenschlacken erzeugt (2024). Davon werden 11,3 Mio. Tonnen oder 96 % als hochwertige Produkte in verschiedenen Anwendungsfeldern eingesetzt.
7,1 Mio. Tonnen Hüttensand kommen überwiegend als Zementbestandteil bei der Betonherstellung zum Einsatz. Neben den zahlreichen alltäglichen Baumaßnahmen haben sich hüttensandhaltige Betone vor allem auch dort bewährt, wo hohe technische Anforderungen gestellt werden: z.B. bei Industrieanlagen, Funktürmen, Brücken, Kläran-lagen, Biogasanlagen, Kohlesilos, Trinkwasserrohren und Schornsteinen.
2,6 Mio. Tonnen Gesteinskörnung werden für den Verkehrswegebau (Straße, Wasser, Gleis) genutzt, etwa bei Autobahnen und Schleusen. Zu den Einsatzgebieten zählen die Fahrbahndecken, z.B. aus Asphalt, und die darunter-liegenden Schichten.
Rund 0,4 Mio. Tonnen Konverterkalk werden als Dünge-mittel in der Landwirtschaft eingesetzt.
0,8 Mio. Tonnen kommen in anderen Anwendungen zum Einsatz. Für die anlageninterne Kreislaufführung werden in den Stahlwerken 0,8 Mio. Tonnen Eisenhüttenschlacken als Primärrohstoffsubstitute genutzt.
[Lit] Bezugsquellen über gütegesicherte Eisenhüttenschlacken unter https://www.fehs.de/unser-netzwerk/[Lit] Eisenhüttenschlacke: Wertvoller Rohstoff für einen nachhaltigen Verkehrswegebau in Nordrhein-Westfalen, Leitfaden für öffentliche Verwaltungen, private Bauherren und Bauunternehmen (Hrsg.: FEhS-Institut e.V.) https://www.vm.nrw.de/verkehr/strasse/Strassenbau/Gueteueberwachung/Mineralische-Abfaelle/Leitfaden-Eisenhuettenschlacke.pdf
Welche Vorteile haben Eisenhüttenschlacken?
Eisenhüttenschlacken bieten zahlreiche technische, ökologische und ökonomische Vorteile:
Zement und Beton
Zu den technologisch herausragenden Eigenschaften von Zementen und Betonen zählen eine hohe Festigkeit, eine hohe Dauerhaftigkeit, ein hoher Widerstand gegen chemische Belastungen sowie eine große Frost- und Hitzebeständigkeit. Die hüttensandhaltigen Zemente sind für alle Anwendungsgebiete geeignet. Die Verwendung von Hüttensand anstelle von primärrohstoffbasiertem Portlandzementklinker im Zement vermindert zudem signifikant den ökologischen Fußabdruck von Zement und Beton durch die Verminderung von CO2-Emissionen und die Einsparung natürlicher Roh- und Brennstoffe für die Klinkererzeugung.
Verkehrsbau
Verkehrsbaustoffe mit Gesteinskörnungen aus Stahlwerks- oder Hochofenstückschlacke verwittern kaum, bleiben lange stabil, haben eine hohe Lebensdauer, verfügen über eine enorme Tragfähigkeit und sind unempfindlich gegen Hitze. Sie können ganzjährig, weil witterungsunabhängig, verarbeitet und in Schichten mit und ohne Bindemittel sowie in Baustoffgemischen eingesetzt werden. Asphaltdecken mit Eisenhüttenschlacken minimieren die Bildung von Spurrinnen und haben auch bei Nässe eine hervorragende Griffigkeit. Ungebundene Schichten aus Eisenhüttenschlacken sind nach dem Einbau sofort befahrbar und haben eine enorme Tragfähigkeit. Das Resultat: sichere, langlebige Verkehrswege,
weniger Baustellen und damit eine Zeit- und Kosten-ersparnis.
Düngemittel
Aus Eisenhüttenschlacken produzierter Düngekalk (Konverterkalk) dient zur Abpufferung von Bodensäuren und zur Stabilisierung eines angepassten pH-Wertes in Böden, damit eine nachhaltige Bodengesundheit erhalten bleibt. Konverterkalk enthält neben den basisch wirksamen Bestandteilen CaO und MgO in silikatischer Bindung zahlreiche für die Pflanzen wichtige Nährstoffe wie Kalzium,
Magnesium, Mangan und einen hohen Gehalt an
löslicher, pflanzenverfügbarer Kieselsäure. Diese trägt in besonderer Weise zur Nährstoffmobilisierung, zur Stabilisierung der Bodenstruktur und zur Pflanzengesundheit bei. Konverterkalk sorgt seit Jahrzehnten für gesunde, arten- und ertragreiche Böden und schont die Natur. Konverterkalk kann auf allen Böden sowie für alle Kulturen verwendet werden.
Sind Eisenhüttenschlacken so zuverlässig und sicher wie vergleichbare Produkte?
Ja. Wie alle anderen Rohstoffe bzw. Produkte werden auch Eisenhüttenschlacken ständig kontrolliert und für die diversen Einsatzgebiete nach nationalen und internationalen Regelwerken zugelassen. Zudem bestätigt die anhaltend hohe weltweite Nachfrage aus der Wirtschaft die sehr gute Qualität der Schlacken resp. der schlackenbasierten Produkte.
Beispiel Hüttensand
Hüttensand ersetzt im Zement den Portlandzementklinker 1 : 1. Seine Verwendung als Bestandteil von Normalzement ist in DIN EN 197-1 geregelt. Hier werden sowohl die stofflichen Mindestanforderungen als auch die Mischungsverhältnisse in den verschiedenen Zementarten definiert. Darüber hinaus gibt es für spezielle Zementarten weitere Normen, z.B. für den Sulfathüttenzement.
Beispiel Straßenbaustoffe
Hochofenstückschlacken und Stahlwerksschlacken für die Verwendung im Straßenbau unterliegen den gleichen Anforderungen wie natürliche Gesteine. Die Regelungen basieren auf europäischen Normen und sind für Deutschland in den TL Gestein-StB zusammengefasst.
Beispiel Wasserbau
Grobe Steine aus Stahlwerksschlacke sind aufgrund ihres hohen spezifischen Gewichts ideal für den Wasserbau geeignet. Sie müssen die Anforderungen der TLW einhalten, die auf Basis der
DIN EN 13383-1 vom Verkehrsministerium herausgegeben wurden und neben natürlichen Gesteinen auch künstliche Wasserbausteine behandeln.
Übersicht über die wichtigsten Regelwerke
[Lit] DIN EN 197-1: Zement – Teil 1: Zusammensetzung, Anforderungen und Konformitätskriterien von Normalzement
[Lit.] DIN EN 15743: Sulfathüttenzement – Zusammensetzung, Anforderungen und Konformitätskriterien
[Lit] EBV Verordnung über Anforderungen an den Einbau von mineralischen Ersatzbaustoffen in technische Bauwerke (Ersatzbaustoffverordnung – ErsatzbaustoffV)
[Lit] Technische Lieferbedingungen für Gesteinskörnungen im Straßenbau (TL Gestein-StB). Ausgabe 2004/Fassung 2023 (Hrsg.: Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen – FGSV)
[Lit] DIN EN 13383-1: Wasserbausteine – Teil 1: Anforderungen
[Lit] Technische Lieferbedingungen für Wasserbausteine (TLW), Ausgabe 2003 (Hrsg.: Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen)
Das heißt: Produkte aus Eisenhüttenschlacken sind bei Ausschreibungen gleichwertige Alternativen?
Ja! Dennoch gibt es immer wieder Ausschreibungen, die Sekundärbaustoffe wie die schlackenbasierten Baustoffe aus der Stahlindustrie benachteiligen. So gibt es beispielsweise im Verkehrsbau leider immer noch Ausschreibungen, die explizit nur natürliche Gesteinskörnungen zulassen. Die ambitionierten gesellschaftlichen Ziele der Förderung von Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung können so nicht erreicht werden. Deshalb sollten – bei technologischer Eignung, Einhaltung der Anforderungen an die Umweltverträglichkeit und wirtschaftlicher Verfügbarkeit – Sekundärbaustoffe bei Ausschreibungen bevorzugt eingesetzt werden. Dies sollte in besonderem Maße für die Ausschreibungen von Bund, Ländern und Gemeinden gelten. Die Ergebnisse eines diesbezüglichen Rechtsgutachtens der Kanzlei Heinemann & Partner bestätigen diese Forderung.
[Lit] Stellungnahme zum Verbesserungsbedarf des abfall- und vergaberechtlichen Rechtsrahmens für den Einsatz mineralischer Ersatzbaustoffe bei öffentlichen Ausschreibungen über Bauleistungen. Kanzlei Heinemann & Partner (2017)
Wer garantiert die Qualität von Eisenhüttenschlacken?
Das FEhS – Institut für Baustoff-Forschung e.V. in Duisburg forscht und prüft seit Jahrzehnten zur Herstellung und Anwendung von Eisenhüttenschlacken. Die Experten arbeiten eng mit Behörden, Industrieverbänden, Normungsgremien, Einrichtungen aus Forschung und Wissenschaft sowie Gütegemeinschaften zusammen. Ein Ergebnis dieser Kooperationen ist z.B. das RAL-Gütezeichen Eisenhüttenschlacken, das die Qualität der zertifizierten Produkte garantiert und damit eine Wareneingangskontrolle überflüssig macht. Die Mitglieder der „Gütegemeinschaft Eisenhüttenschlacken“ verpflichten sich zu diesen Güte- und Prüfbestimmungen, die über die allgemein gültigen Regelungen noch hinausgehen.
Ferner müssen die Hersteller durch die werkseigene Produktionskontrolle (WPK) und im Wege der Fremdüberwachung durch externe, gesetzlich zugelassene Prüfstellen die bautechnische und umweltbezogene Eignung von Baustoffen regelmäßig bescheinigen.
[Lit] RAL Deutsches Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung: Güte- und Prüfbestimmungen für
Eisenhüttenschlacken im Straßen- und Wegebau sowie im Wasserbau (RAL-GZ 510)
[Lit] www.gueteueberwachung.nrw.de
[Lit] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen: Richtlinien für die Anerkennung von Prüfstellen für Baustoffe und Baustoffgemische im Straßenbau (RAP Stra), Ausgabe 2015
Wo können Eisenhüttenschlacken nicht eingesetzt werden?
Aufgrund intensiver Forschung und ständiger Optimierung werden Eisenhüttenschlacken als ressourcenschonende und umweltverträgliche Baustoffe in zahlreichen Anwendungsgebieten der Zement- und Betonindustrie, des Straßen- und Verkehrsbaus sowie als Düngemittel in der Landwirtschaft eingesetzt.
Während Hochofenschlacke raumbeständig ist, muss dies bei Stahlwerksschlacken im Straßenbau je nach Einsatzzweck nachgewiesen werden. Die Untersuchungen führen die Hersteller im Rahmen der werkseigenen Produktionskontrolle und durch eine anerkannte externe Prüfstelle regelmäßig durch. Dank der aktuellen strengen Vorgaben treten in der Vergangenheit vereinzelt vorgefallene Schadensfälle an Straßenbauwerken heutzutage nicht mehr auf.
Zu beachten sind außerdem die Regelwerke einzelner Bundesländer: Zwar können Eisenhüttenschlacken mit wenigen Ausnahmen auch in Wasserschutzgebieten der Klassen III A und III B eingesetzt werden. Es ist jedoch immer die jeweilige lokale Schutzgebietsverordnung zu beachten. Zudem müssen in der Regel Auftraggeber für den Einsatz von Baustoffen in Wasserschutzgebieten eine Genehmigung einholen.
Für Hochofenschlacke gibt es die Einschränkung, dass sie nicht in stehende Gewässer eingebaut werden darf.
[Lit] DIN EN 1744-1, 2013-03: Prüfverfahren für chemische Eigenschaften von Gesteinskörnungen – Teil 1: Chemische Analyse
[Lit] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen: Merkblatt über die Verwendung von Eisenhüttenschlacken im Straßenbau (M EHS), Ausgabe 2013
Sind Eisenhüttenschlacken „Produkte“ oder „Abfall“?
industrielles Nebenprodukt“ verdeutlicht, dass Eisenhüttenschlacken kein Abfall im Sinne des Kreislaufwirtschaftsgesetzes sind. Das bestätigen auch zahlreiche Umweltministerien der Länder sowie Rechtsgutachten. Zudem sind Eisenhüttenschlacken seit 2010 gemäß der Europäischen Chemikalienverordnung REACH als nicht gefährliche Stoffe registriert – eine unabdingbare Voraussetzung zur Einstufung als Produkt bzw. Nebenprodukt!
[Lit] Gesetz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und Sicherung der umweltverträglichen Bewirtschaftung von Abfällen („Kreislaufwirtschaftsgesetz“) (2020)
[Lit] Eisenhüttenschlacken – Abfall oder Produkt?
Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft Eisenhüttenschlacken (1998), Heft 5 (Versteyl, L.-A.)
[Lit] Gutachten über den rechtlichen Status von Schlacken aus der Eisen- und Stahlherstellung (Versteyl, L.-A. und Jacobi, H.) (2005)
[Lit] Europäische Chemikalienverordnung REACH zur Registrierung, Bewertung und Zulassung chemischer Stoffe (Verordnung EG Nr. 1907/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates)
[Lit] Rechtsgutachten „Nebenprodukt-Einstufung von Eisenhüttenschlacken“ (Franßen, G. und Hinzer, A.)
(2023)
KÖNNEN DIE „NEUEN SCHLACKEN“ WIE BISHER ZUR ANWENDUNG KOMMEN?
Um den Einsatz der Nebenprodukte einer dekarbonisierten Stahlherstellung auch in Zukunft ressourcen- und klimaschonend gewährleisten zu können, müssen über die derzeit laufenden Forschungsarbeiten hinaus auch die Regelwerke angepasst werden. Das FEhS-Institut hat dazu einen Vorschlag für die Änderung der Bestimmungen für den Einsatz im Zement und Beton erarbeitet, der mit den regelsetzenden Institutionen sowie den Partnern der Wertschöpfungskette diskutiert wird.
Warum schonen Eisenhüttenschlacken natürliche Ressourcen?
Eisenhüttenschlacken ersetzen Primärrohstoffe, wie z.B. Naturstein und Quarzsand. Seit 1949 waren das allein in Deutschland mehr als 1,1 Mrd. Tonnen – das entspricht aufgeschüttet einem Berg so hoch wie die Zugspitze. Durch den Einsatz der schlackenbasierten Produkte aus der Stahlindustrie konnten damit massive Eingriffe in die Landschaft vermieden werden.
Reduziert die Verwendung von Eisenhüttenschlacken den Ausstoß von Emissionen?
Ja. Durch die Substitution von Portlandzementklinker durch Hüttensand bei der Zementherstellung konnten von 1949 bis 2024 insgesamt 197 Mio. Tonnen des klimaschädlichen CO2 vermieden werden. Auch durch die Verwendung von Konverterkalk als Kalkdüngemittel wird eine CO2-Freisetzung vermieden, wie sie bei der Umsetzung von karbonatischen oder oxidischen Kalkprodukten im Boden unvermeidlich eintritt.
Können Eisenhüttenschlacken Wasser, Böden und Pflanzen schaden?
Nein! Der Gehalt an umweltrelevanten Bestandteilen in Eisenhüttenschlacken ist sehr niedrig und mit denen natürlicher Gesteine vergleichbar. Zahlreiche Studien belegen, dass weder der Einsatz von schlackenhaltigen Düngemitteln noch die Verwendung von (Straßen-)Baustoffen mit Eisenhüttenschlacken zu einer negativen Veränderung der Umwelt führen. So bestätigen langjährige Versuche die Unbedenklichkeit von Eisenhüttenschlacken in der Landwirtschaft. Andere Studien über den Zustand von Bäumen an Straßen konnten keine Schäden infolge der Verwendung von Eisenhüttenschlacke als Straßenbaustoff feststellen. Garant für die Umweltverträglichkeit von Eisenhüttenschlacken sind auch die genannten Mechanismen zur Güteüberwachung von Baustoffen.
Bei der Bewertung der Umweltverträglichkeit von mineralischen Sekundärbaustoffen, wie z.B. Stahlwerksschlacken, liegt der Fokus auf der Einhaltung definierter Grenzwerte für die Auslaugung wasserlöslicher Bestandteile. Durch eine solche Begrenzung werden Grund- und Oberflächenwässer geschützt. Im Rahmen einer umfangreichen wissenschaftlichen Studie wurden die Auswirkungen von Feststoffgehalten von im offenen Wegebau eingesetzten Stahlwerksschlacken auf die umliegenden naturnahen Böden untersucht. Es konnte gezeigt werden, dass auch im ungünstigen Fall nur sehr geringe bis auf maximal wenige Meter Entfernung begrenzte Schwermetalleinträge in umliegende Oberböden stattfinden können und keine Besorgnis des Entstehens schädlicher Bodenveränderungen besteht. Weiter konnte gezeigt werden, dass von in ungebundener Bauweise eingesetzten Stahlwerksschlacken keine Gefährdung für den Wirkungspfad Boden – Mensch ausgeht. Aufgrund der sehr hohen Entstehungstemperaturen können originär keine organischen Schadstoffe in Stahlwerksschlacken enthalten sein.
[Lit] Langjähriger Phosphat-Dauerversuch zur Überprüfung der Wirkung von Rohphosphat und Thomasphosphat auf Dauergrünland, www.rohstoff-schlacke.de/wp-content/uploads/sites/2/2018/01/Forschungsprojekte-der-letzten-Jahre.pdf
[Lit] Einfluss von Straßenbaustoffen aus Eisenhüttenschlacken auf den Vitalitätszustand von Straßenbäumen, Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft Eisenhüttenschlacken, Heft 1 (1991) (Hammer, S. und Geiseler, J.)
[Lit] Ertrag und pflanzensoziologische Entwicklung von Dauergrünland im Mittleren Schwarzwald unter dem Einfluss langjähriger mineralischer Düngung mit Eisenhüttenschlacken. FEhS-Report 25 (2018), Heft 1, S. 25–33 (Rex, M.)
[Lit] Stahlwerksschlacken in ungebundener Bauweise – Auswirkungen auf den Wirkungspfad Boden – Mensch. Bodenschutz 4/2018, S. 129–134 (Dohlen, M. und Steinweg, B.)
[Lit] Resorptionsverfügbarkeit von schadstoffbelasteten Bodenmaterialen und Baustoffen (natürliche und technogene Substrate) in Stadtböden. altlasten spektrum 6/2011 (Steinweg, B. und Günther, P.)
Aber Eisenhüttenschlacken enthalten doch Chrom?
Ja! Aber neueste wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen frühere Ergebnisse: In Stahlwerksschlacken finden sich ausschließlich unbedenkliche Chrom(III)-haltige Verbindungen, ein für Mensch und Tier essenzielles Spurenelement. Das gesundheitsgefährdende Chrom (VI) konnte in Eisenhüttenschlacken nicht nachgewiesen werden.
[Lit] Kein sechswertiges Chrom in Stahlwerksschlacken. stahl und eisen 137 (2017), Nr. 8 (Schenk, J. und Cheremisina, E.)
[Lit] Verhalten von Chrom aus kieselsauren Kalken in Böden und Aufnahme durch Pflanzen. Referate des Kolloquiums der Landwirtschaftlichen Beratung Thomasdünger und der Forschungsgemeinschaft Eisenhüttenschlacken, Heft 9 (2001) (Rex, M.)
[Lit] Bindung und Löslichkeit von Chrom in Düngemitteln und Baustoffen aus Eisenhüttenschlacken. Referate des Kolloquiums der Landwirtschaftlichen Beratung Thomasdünger und der Forschungsgemeinschaft Eisenhüttenschlacken, Heft 9 (2001) (Rex, M.)
Wie wird die Umweltverträglichkeit von Eisenhüttenschlacken nachgewiesen?
Eisenhüttenschlacken erfüllen z.B. die ökologischen Anforderungen der Runderlasse des Umwelt- und Verkehrsministeriums in Nordrhein-Westfalen, nach denen Eisenhüttenschlacken sogar in Wasserschutzgebieten verwendet werden dürfen. Vergleichbare Regelungen gibt es auch in anderen Bundesländern. Auch die bundeseinheitlichen Anforderungen der im Jahr 2023 in Kraft getretenen Ersatzbaustoffverordnung werden erfüllt. Das Umweltbundesamt hat Eisenhüttenschlacken nach den Bestimmungen der „Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen“ als nicht wassergefährdend eingestuft. Eisenhüttenschlacken wurden aufwendigen toxikologischen und ökotoxikologischen Untersuchungen unterzogen und konnten aufgrund der Ergebnisse im Rahmen der Umsetzung der Europäischen Chemikalienverordnung REACH als „nicht gefährliche Substanzen“ registriert werden. Unter anderem wurden verschiedene toxikologische Studien durchgeführt, in denen potenzielle Expositionswege von Eisenhüttenschlacken berücksichtigt wurden, wie die Inhalation in Atemluft befindlicher, feinster Partikel (einatembarer Staub), eine orale Einnahme sowie Hautkontakt. Die Auswertung der In-vivo- und In-vitro-Versuchs-ergebnisse lässt den Schluss zu, dass Eisenhüttenschlacken sich wie natürliche Gesteine verhalten und demnach eine inerte Kategorie von UVCB-Substanzen (aus dem Englischen: Unknown or Variable composition, Complex reaction products or Biological materials) sind.
[Lit] NRW-Runderlasse des Umwelt- und des Verkehrsministeriums (sog. Verwertererlasse): Güteüberwachung von mineralischen Stoffen im Straßen- und Erdbau (2001)
[Lit] Verordnung zur Einführung einer Ersatzbaustoffverordnung, zur Neufassung der Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung und zur Änderung der Deponie-verordnung und der Gewerbeabfallverordnung (2021)
[Lit] Verordnung zur Einführung einer Ersatzbaustoffverordnung, zur Neufassung der Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung und zur Änderung der Deponieverordnung und der Gewerbeabfallverordnung (2021)
[Lit] Europäische Chemikalienverordnung REACH (s.o.)
[Lit] Toxikologische Untersuchungen an Eisenhüttenschlacken im Rahmen der REACH-Registrierung. FEhS-Report 26 (2019), Heft 1, S. 3–4 (Jochims, K. und Bialucha, R.)
Weitere Literaturhinweise
[Lit] „Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa“ der Europäischen Kommission (2011)
[Lit] Transforming our World: The 2030 Agenda for Sustainable Development (United Nations) (2015)
[Lit] Vorwort aus: Chancen der Kreislaufwirtschaft für Deutschland. Analyse von Potenzialen und Ansatzpunkten für die IKT-, Automobil- und Baustoffindustrie (Hrsg.: Rat für Nachhaltige Entwicklung) (2017)
[Lit] Ressourcen schonen. Wirtschaft stärken. Broschüre (Effizienz-Agentur NRW) (2019)
[Lit] „Green Deal“ der Europäischen Kommission (2019)
[Lit] Deutsches Ressourceneffizienzprogramm III – 2020 bis 2023. Programm zur nachhaltigen Nutzung und zum Schutz der natürlichen Ressourcen (Hrsg.: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit) (2020)
[Lit] Rohstoffstrategie der Bundesregierung (2020)
[Lit] „Circular Economy Action Plan“ der EuropäischenKommission (2020)
[Lit] Novellierung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes(2020)
[Lit] The Circularity Gap Report (Circle Economy) (2023)